Archiv: September 2011

06 – Sprechen nach Babylon

22.09.2011

Im September beginnt wieder die Schule, in welche sich die ABC-Schützen mit ihren Schultüten zum ersten Schultag begeben haben. Irgendwie erscheint die Schultüte wie das Gegenbild des Doktorhutes, der schon so platt geklopft aussieht. Die Schultüte ist wie ein Füllhorn, dem die guten Dinge entweichen. Jedenfalls folgt jetzt das „verschärfte“ Sprachstadium, nämlich seine Verschriftlichung, der Schrifterwerb, die Alphabetisierung, die den Vorrang der Sprache vor der Welt besiegelt. Aus diesem Grund erscheint geboten, an ein zentrales Sprachproblem aus der Warte der Philosophie noch einmal zu erinnern:

Für die Philosophie war die Übereinstimmung von Sprache und Wirklichkeit eine ausgemachte Sache, bis sich am Ende des Mittelalters ernsthafte Zweifel an dieser Beziehung einstellten. Die Renaissance beklagt in der Folge der spätmittelalterlichen Skepsis ohne Umschweife den Verlust der Ursprache und damit das Entschwinden der Wahrheit, weshalb vorschlagsweise in den (nicht entzifferten) Hieroglyphen oder in Chinesischen Schriftzeichen nach einer wahren Botschaft gefahndet wurde. Schuld an der Amnesie, also am Gedächtnisverlust, an der Desorientierung, am Abhandenkommen der Wahrheit war nach allgemeiner Meinung die babylonische Katastrophe, die Sprachverwirrung als Strafe für die Hybris der Turmbauer. Während also die Anhänger der babylonischen Trauma-Lehre weiter von einer einzigen Ursprache phantasieren, stellt sich allmählich – allerdings sehr spät, eigentlich erst im zwanzigsten Jahrhundert – aus poetischer Warte ein Begriff vom großen Vorteil der Übersetzbarkeit als auch der Unübersetzbarkeit der vielen Sprachen ein. Anstatt sich auf ein Gefangensein in einer jeweiligen einzigen Sprache beschränken zu müssen, kann sich nämlich der/die mehrere Idiome beherrschende SprecherIn zwischen den Sprachen bewegen und genau deshalb erst in den Blick bekommen, wie eigentlich die „Welt“ durch die Sprache erzeugt wird. Erst dann kann die Sprache erkannt werden in dem, was sie immer ist, auch in den konkretesten Sprachhandlungen, nämlich Poesie, vorschlagsweise Deutung einer rätselhaften Welt.

Sendestart am Montag (NEUER SENDETERMIN!),
den 26.09.2011 um 21.15 Uhr!

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05 – Spielzeug/Gadget

01.09.2011

Zum Wesen unseres Zeuges

Studio Elektra 05 ist eine Sommersendung, eigentlich sogar eine lustige Kindersendung, sofern sie sich mit dem Status unserer Gerätschaften beschäftigt und dann auch zum Schluss kommt, dass es sich wohl größtenteils um Spielzeuge handelt. Aristoteles war der Ansicht, dass Menschen genauso wie die anderen Tiere ihre organoi oder Werkzeuge dazu einsetzen müssten, ihr Ziel zu erreichen, mehr nicht. Teilweise wurden diese organoi von ihm als bereits dem Körper integriert betrachtet (wie zum Beispiel der Schnabel des Pelikans), teilweise sollten sie erst zur Zweckerfüllung hergestellt werden, wie beispielsweise das Nest. Auch hier gibt es eine Idee von der ewigen Verbesserung der Mittel, mit denen das Ziel zu erreichen ist, allerdings unterscheiden sich menschliche und tierische „Evolution“ nicht grundsätzlich voneinander.

In der Renaissance zieht zu diesem Thema eine andere Ansicht auf, die bis heute gilt: Menschen sind die Tiere, die nicht zu Ende bestimmt worden sind und die sich daher selbst „erfinden“. Zu diesem Zwecke machen sie sich die Gerätschaften, die deshalb eben nicht nur „Natur“ sind. „Nicht-zu-Ende definiert-sein“ heisst dann unter den Vorzeichen des Biologismus des 19.Jahrhunderts auch so viel, dass Menschen eine Art von Riesen-Föten darstellen (“Neotenie“), dass sie in jeder Hinsicht eben unfähig seien, sich auszuwachsen, in Bestimmungen hineinzuwachsen, dass sie aus diesem Grunde auch das Jugendliche, das Kindliche so sehr lieben: das schöne, weiche Gesichtchen ohne Schnauze und gewaltigen vorstehenden Kinnladen, mit hoher runder Stirn, der Fötenstirn eben.

Wenn es nun aber so ist, dass das forcierte Zeug-Machen und Zeug-Haben, der Handy-Besitz und die Computer-Hybridisierung damit zu tun hat, dass Menschen unfertige Föten oder jedenfalls „Frühchen“ sind, dann ist der Schluss zwingend, dass diese Gerätschaften nichts anderes ein können als Spielzeuge, die dann zwischen diesen Frühchen und der von ihnen erfundenen Welt vermitteln. q.e.d.

Sendestart am Freitag, den 02.09.2011 um 20 Uhr!
(Achtung: ab nächster Sendung am 26.9, gibt es neue Sendezeiten: Montag 21.15 Uhr!)

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