Archiv: Dezember 2009

Moving lyric, die achte: An einen dichtenden Freund

04.12.2009

Gerade 15* dürfte Alexander Puschkin gewesen sein, als sein Gedicht „An einen dichtenden Freund“ von einer der, im zaristischen Russland der späten Herrschaft Alexander des I. progressivsten Zeitschriften, des Vestnik Evropy (Europas Bote) abgedruckt wurde.

In dem Gedicht machte sich Alexander wohl über einen oder mehrere seiner Mitschüler im
Lyzeum in Zarskoe Selo lustig, die viel über die Dichtung redeten und vom Geld und vom Ruhm schwärmten, den ihnen ihre Werke einbringen würden.

1814
An einen dichtenden Freund

1    Arist, du drängst dich auch zum Musenpriesterreigen?
Du willst den Pegasus, den störrigen, besteigen?
Gefahrvoll ist der Weg, drauf du nach Lorbeern jagst,
Erbarmlos die Kritik, der du zu trotzen wagst!
5    Papier und Federkiel und Tinte – fort mit ihnen!
Vergiss den Bach, den Hain, die Gräber, die Ruinen,
Glüh nicht im Liebeslied mit kaltem Wortesschwall,
Verlass den hohen Berg – sonst kommst du tief zu Fall!
Genug schon ohne dich gibt’s Dichter auf der Erden,
10    Die, kaum gedruckt, alsbald verlacht, vergessen werden!
Auch jetzt vielleicht, entflohn dem eitlen Menschentand,
Knüpft für die Ewigkeit der Aftermuse Band
Ein Dichterling, erfleht Minervens Schutzägide
Und zeugt zum zweitenmal uns die Telemachide.
15    Zur Warnung diene stets der Reimer Schicksal dir,
Die uns durch Versewucht zu Boden drücken schier.
Die Nachwelt schätzt gerecht im Tadeln und im Loben:
Trägt Lorbeern der Parnass, so giebt’s auch Nesseln droben!
Du geizest nur nach Ruhm? Doch wenn Apoll vernimmt,
20    Dass auch dein dreister Fuss den Helikon erklimmt,
Die Locken schüttelt grimm zu deinem Frevelmute
Und heilsam dein Talent belohnt – mit einer Rute?

Doch wie? Du furchst die Stirn und sprichst: „Ich bitte dich!
Du sprichst umsonst: Dein Rat ist mir nicht förderlich!
25    Denn nimmer änd’r ich das, was ich beschlossen habe -
Die ? Ist erwählt! Apollos Weihegabe!
Wenn Unrecht auch an mir die ganze Welt begeht -
Schilt, schreie, zürne mir: Ich war und bin Poet!“

Arist, wer Reime klebt, ist lange noch kein Dichter -
30    Ein Federkratzer ist’s und ein Papiervernichter!
Zu einem guten Vers bedarf’s mehr Müh und Pein,
Als beim Franzosensieg gehabt hat Wittgenstein.
Dershawin, Dimitrijew und Lomonossow leben
Unsterblich, weil sie uns belehren und erheben;
35    Sie sind der Russen Stolz! Und tausend Büchern droht
Bei der Geburt bereits ein wohlverdienter Tod.
Die Werke Reimerlings und Bibrus’, Schreiberows -
Sie faulen allgemach im Laden Glasunows.
Den Unsinn liest kein Mensch – als warnendes Exempel
40    Drückt ihnen Phöbus auf des ewigen Fluches Stempel!

Gesetzt, den Gipfel hast des Pindus du erklommen
Und deinen Dichterruhm verdienest du vollkommen,
So dass mit Hochgenuss dich liest ein jedermann:
Glaubst du, mein Freund Arist, ein Goldstrom werde dann
45    In deine Taschen sich als hohe Flut ergießen,
Den du in Truhen nur brauchst sorgsam zu verschließen,
Um zu ergötzen dich bei Tage und bei Nacht?
Ein ganzes Königreich nimmst du wohl gar nicht Pacht?
Ach, Dichter hausen nicht in marmornen Gemächern!
50    Nein, tief im Erdgeschoss, hoch unter Giebeldächern
Erträumen sie sich oft den glänzenden Palast
Und kommen doch dabei auf keinen grünen Ast!
Vom Dichter macht die Welt gar oft ein großes Wesen -
Doch nur vom Redakteur wird er zumeist gelesen!
55    Fortunas Rad rollt stets am Dichter nur seitab.
Nackt kam zur Welt Rousseau und nackt stieg er ins Grab;
Oft teilte Camoes Des letzten Bettlers Bette;
Vergessen starb Rostrow auf ärmster Lagerstätte,
Von fremden Händen ward er klanglos eingescharrt -
60    Als Not hat sie ihr Los, ihr Ruhm als Traum genarrt!

Es scheint, mein lieber Freund, ich trieb dich in die Enge.
Doch, du entgegnest mir: „Du urteilst ja so strenge!
Spürst allenthalb herum nach der Vernunftmoral
Und rügst die Poesie, mein neuer Juvenal!
65    Und selbst? Zerfallen mit Apollos hehren Schwestern,
Willst du in Versen nun mich, den Genossen, lästern?
Was ist mit dir geschehn? Wist du nicht recht gescheit?“

Arist, in Kürze geb ich dir hiermit Bescheid:
Es lebte mal ein Pop in einem Dorf. Zum Freunde
70    Hatt’ er wie Jung, so Alt der ganzen Pfarrgemeinde;
Er war vom Glück geliebt, nahm sich der Armen an
Und galt seit Alters her für einen weisen Mann.
Einst nippte er zu viel auf einem Hochzeitschmause.
Spät lenkt er, stillbeglückt, den schwanken Schritt nach Hause;
75    Da, sieh, entgegen just kam ihm ein Bäuerlein.
„O Väterchen – sprach er – der Teufel steckt im Wein,
Wie du uns stets gewarnt, der Leib und Seele schädigt;
Stets gaben wir uns Müh, zu tun nach deiner Predigt -
Doch jetzt erleuchte mich: Du bist ja selber heut …“
80    Da sprach zum Bäuerlein der Pop: „Ihr lieben Leut,
Verfolget jederzeit, was euch mein Wort geraten,
Allein ein Beispiel nehmt euch nie an meinen Taten!“

Dieselbe Antwort, Freund, muss ich dir geben nun,
85    Denn leider widerspricht mein Reden meinem Tun …
Beglückt, wem nimmer steht nach Reimen das Verlangen,
Wer still sein Leben führt mit vollen, roten Wangen,
Wer nicht Journale quält mit seiner Poesie
Und tagelang nicht hockt an einem Impromptu!
90    Nicht naht er dem Parnass, er flieht der Musen Reigen,
Will nicht den Pegasus, den feurigen, besteigen,
Ramakows Feder ist für ihn kein Interpret -
Denn dieser Glückliche, Arist, ist kein Poet! …

Doch nun ist’s hohe Zeit, dass ich den Schluss beeile,
95    Sonst stirbst du, lieber Freund, mir noch vor Langeweile!
Du hast nun meinen Rat. Dir überlass ich’s ganz,
Ob du den Frieden wählst, ob einen Lorbeerkranz.
Bedenke alles wohl und, wie du willst, so tue -
Der Ruhm macht glücklich uns, doch glücklicher die Ruhe!

* Es war uns leider nicht möglich das Erscheinungsdatum der 13. Ausgabe des Vestnik Evropy herauszufinden daher ist uns nicht klar, ob Puschkin damals 14 oder 15 gewesen ist.

Weiterführendes:

http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Sergejewitsch_Puschkin

http://www.uni-potsdam.de/u/slavistik/vc/rlmprcht/schule/index_deutsch.htm

Artikel über die Zeitschrift „Vestnik Evropy“ (Europas Bote), die das Gedicht abdruckte:

http://mesharpe.metapress.com/app/home/content.asp?referrer=contribution&format=2&page=1&pagecount=0

1803 gedruckte Beschreibung des Magazins:

http://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jparticle_00022714

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