M.i.St. # 26 Ljubljana (Wh.)

Im April gibt es Ljubljana zum Wiedersehen.

Im Interview: Brenda Tindal, Atlanta, spricht über Angela Davis und die Black Panther Bewegung in den USA.

Hier der Text:

O-Ton Brenda Tindal, 29. September 2008, Ljubljana:

Meine Forschung befasst sich mit afro-amerikanischen Frauen, die in Sozialbewegungen des 20. Jahrhunderts involviert waren, von den Dreissiger bis in die Achtziger Jahre. Angela Davis ist eine dieser Frauen, und ich blicke auf sie als Teil der Neuen Linken und nicht so sehr als Black Power Vertreterin. So hoffe ich zu diesem wachsenden Diskurs über Angela Davis beizutragen und sie in der Neuen Linken zu positionieren, deren theoretische und politischen Wurzeln in europäischen Konzepten und Traditionen liegen. Ich glaube, dass uns das erlaubt, sie in breiterer oder komplizierterer Weise zu sehen als bisher. Ich denke, dass sie eine dieser Leute ist, die sicherlich missverstanden worden ist und klar falsch interpretiert in der “Populärkultur”, grossgeschrieben. Und daher möchte ich sie im Dissertationsprojekt integrieren. Ausserdem glaube ich nicht, dass sich viele Leute mit den historischen oder politischen und intellektuellen Ideen beschäftigt haben, die Angela Davis sowohl in den Staaten als auch international eingebracht hat.
Angela Davis wurde 1944 in Birmingham/Alabama geboren, und sie lebte in einem Viertel, das Dynamite Hill genannt wurde, und Dynamite Hill, wo sich die Davis-Familie in den 40er Jahren integrierte, wurde so genannt, weil es oft vom Ku Klux Klan angegriffen wurde, terroristisch, gerade weil sich schwarze Familien in diese vorher weiße Enklave mischten. Und so glaube ich, dass diese Apartheid im Süden ganz sicher ein grosser Teil ihres Aufwachsens war, und ganz sicher hatte sie einen gewissen Zugang zu Themen wie Rassismus, und Terrorismus, im speziellen Fall rassistischem Terrorismus,  und sicher ist ihr späteres Werk sowohl als Intellektuelle als auch als politische Aktivistin von diesen Erfahrungen als junge Person beeinflusst. Davis hat auch viel Zeit in New York verbracht, ich glaube mit 13 ist sie nach Manhattan gezogen, wo sie im Rahmen eines Quäker-Ausbildungsprogramms dann die “Little Red School” besuchte, die Elisabeth Irvin (?) Schule, die damals sehr progressiv war, und wo Angela Davis mit Marx’ und Engels’ “Kommunistischem Manifest” vertraut gemacht wurde. Kannst du dir das vorstellen, als so junges Mädchen Zugang zum K.M. zu haben, von der Schule her. Die Schule war eine Privatschule, und in vieler Hinsicht ist Davis aus einem elitären Background, was ja ironisch ist wenn wir uns ansehen, in welchen intellektuellen und politischen Zusammenhängen sie sich findet, als sie die Grundausbildung abgeschlossen hatte.

Viele Leute wissen nicht, dass sie nicht erst in den 70er Jahren Aktivistin wurde, sondern schon in den späten 50ern mit Vorfeldorganisationen der Kommunistischen Partei zu tun hatte, es gab zum Beispiel eine Gruppe “Advance”, wo sie mit 15 Mitglied war. Sie protestierte gegen die schlechte Behandlung von Schwarzen in New York, und das zeigt, dass Rassismus ja kein Phänomen des US amerikanischen Südens war, sondern in den Städten des Nordens ebenfalls ein Faktum, endemisch in der US amerikanischen Gesellschaft der 40er, 50er, 60er Jahre, und Angela Davis dagegen auftrat. Also ihre Arbeit als Aktivistin begann lange bevor sie eine Radical Celebrity wurde, in den späten 60er und frühen 70er Jahren, Davis, nach der High School, ging auf die Brandeis University, und studierte Philosophie. Schon im Junior Year ging sie nach Frankreich und studierte an der Sorbonne, sie ist eine von vielleicht einer Handvoll schwarzer Frauen die diese Gelegenheit hatten. Also, wenn wir wieder an ihre pädagogischen Erfahrungen denken, kann ich nur feststellen, dass es diese internationalen Konturen hatte, die sehr einzigartig waren für eine afro-amerikanische Frau aus den Südstaaten. Nach der Sorbonne begann sie ihre Abschlußarbeit an der Universität San Diego, verbrachte aber auch eine Zeit in Deutschland, wo sie Adorno kennen lernte und eigentlich bei ihm dissertieren wollte. Aber unglücklicherweise, naja, nicht unglücklicherweise, aber jedenfalls hat sie die Civil Rights Bewegung nach Amerika zurückgerufen, wo sie ihre Dissertation in San Diego weiterschrieb. Danach wurde sie Philosophie Professorin auf der Los Angeles University, und dort wurde sie eine Art lokaler Celebrity, wegen der Art in der die kalifornischen Amtsinhaber auf ihre Mitgliedschaft bei der Kommunistischen Partei USA reagierten, und ihre Beschäftigung ablehnten. So wurde sie diese lokale Celebrity, und viele StudentInnen sammelten sich um sie, die wollten, dass sie weiter unterrichtete. Von dort an war sie im öffentlichen Leben präsent, und war sehr stark anderen Nervigkeiten dieses sehr repressiven Staates ausgesetzt, von Leuten, die sehr stark NICHT für Black Power Politik und kommunistische Umtriebe waren. So wurde Davis zur Zielscheibe, weil sie ja diese beiden Aktivitäten sehr stark in sich vereinte, und sie fand sich auch sehr involviert beim Anti-Gewalt StudentInnenkommittee und der Black Panther Party, die zu diesem Zeitpunkt bereits eine sehr wichtige Organisation war, die die angesagte Bewegung Black Power vertraten. Angela Davis war also mit diesen Organisationen verbunden, und hatte ja auch eine Beziehung mit George Jackson, der damals ein Mitglied der Black Panther Partei war. Sie war sehr engagiert in der Analyse des Prison Industrial Complex, bevor es diesen Begriff gab; und natürlich war es Jonathan Jackson, George’s Bruder, der versuchte, einen Gefangenenaufstand in San Quentin zu starten, der Gefangene befreien wollte, und dabei wurde eine Waffe verwendet, die auf Angela Davis registriert war. Bei diesem Aufstand wurden glaube ich einige Wärter getötet und das hat Angela Davis natürlich weiter ins Rampenlicht gerückt, und sie ist abgetaucht, in den Untergrund – wann ist das gewesen? – das war 1970, und im August 1970 hat das FBI das Poster veröffentlicht, die Ten Most Wanted, und Davis war die dritte Frau die als Most Wanted gesucht wurde. Und niemand konnte diese sehr attraktive Person übersehen – der abstehende irre Afro-Look war sicher ein besonderes Merkmal von Angela Davis, und irgendwie hatten sich die Leute in dieses Image verschaut, auf ganz eigentümliche Weise, und umso mehr, als ihr Gesicht in den Mediascapes aufgetaucht ist, und Davis als Radical Celebrity eine der Ten Most Wanted wurde. Und das nicht nur im Inland: es gab Free Angela Davis Kampagnen in vielen Staaten, in Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, in vielen Gegenden der Welt wurden diese Kampagnen aufgebaut, und so können wir die Anfangsstadien sehen, wie jemand eine Radical Ikone werden kann. Ausserdem war den Leuten klar, dass es ungerechtfertigte Vorwürfe waren, dass die dazu verwendet wurden – als Vorwand – um Leute zu politischen Gefangenen zu machen, um sie von den Strassen zu bekommen, weg davon, die grösseren progressiven Bewegungen zu beeinflussen, die sich in den USA und in Übersee formierten.

Davis wurde freigesprochen, im Juni 1972, und das war ein Riesentriumph speziell für die Afro-amerikanische Community, die seit Jahrhunderten mit dem Rechtssystem haderten, und deshalb war ihr Freispruch ein Höhepunkt in afro-amerikanischer Politik.

Yeah, ein anderer Zusammenhang ist die Black Panther Party, die -denke ich – genauso zu Radical Celebrities gemacht wurden, die jedenfalls – argumentierbar – zu Sprechern des Black Power Movements wurden, und die vielleicht der schlagendste Beweis für die wachsende Black Power Bewegung in den US darstellten.

Die Black Panthers wurden 1966 von Huey Newton und Bobby Seal gegründet, beides Studenten, und viele Leute glauben das nicht, denn ich sehe da eine Tendenz, sie als Teil des Lumpenproletariats wahrzunehmen, Typen von der Strasse, aber Huey Newton war brillant, er studierte Rechtswissenschaften, er konnte frei über Recht sprechen, denn er hatte sich so intensiv damit auseinandergesetzt, dass er gar keine Bücher mehr dazu brauchte. Und wenn er Polizeibrutalität antraf, brutale Cops, hat er sie gestoppt und ihnen die Rechte vorgetragen, und auf diese Weise hat die Black Panther Party die Öffentlichkeit erreicht, indem sie Polizeiübergriffe ansprachen, besonders in Kalifornien, in Oakland. Es hat also als Community-Bemühung begonnen, die sich in eine grössere Körperschaft entwickelte, und bald gab es Black Panther Parties in Chicago, in North Carolina, natürlich überall in Kalifornien. Die Panthers waren halt auch eine sexy Beigabe zur politischen Szene, klar, die Barrette, die steifen Afros, die Lederjacken und die Waffen, all das war richtig sexy, aber die Leute haben nicht darüber gesprochen, dass die Panthers versucht haben, die Probleme in ihren Communities in den Griff zu bekommen. Sie wurden gleich als subversiv bezeichnet, aber sie wollten eigentlich nur Gerechtigkeit für ihre Communities. Für städtische Enklaven wie zb Oakland. Sie hatten Community Selbsthilfegruppen gegründet, Aktionen für Gratis-Essen, Gratis-Grundnahrungsmittel, für Gruppen oder Leute die sonst keinen Zugang zu diesen Ressourcen hatten. Tatsächlich hat die Regierung später ein Free-Breakfast Programm gestartet, in vielen öffentlichen Schulen, aber dafür war die Arbeit der Black Panther Party ein Vorläufer, für dieses Gratis-Essen für underprivilegierte, ökonomisch bedrohte Jugendliche.

Die Panthers hatten sehr edle Motive, brachten sehr viel ein für die Black Liberation, aber in manchen Dingen finde ich haben ihre radikalen Forderungen nicht gender liberation in Betracht gezogen; und in ihren Reihen glaube ich, dass sie eine spezielle Vorstellung davon hatten, wie sich Frauen benehmen sollten, und ich glaube es war Eldridge Cleaver, der den Begriff “Pussy Power” geprägt hat: Frauen sollten sexuell verfügbar für die Brothers sein, für die Revolution, und auch Babies für die Revolution produzieren. Damit haben sie fast bedenkenlos afro-amerikanische Frauen für die Reihen der Black Panthers verfügbar machen wollen, und wenn wir uns das überlegen, diese Ideen in einer so progressiven Organisation, zeigt das, wie sehr die Panthers auch sehr konventionelle Vorstellungen von Geschlecht hatten, all diese korrupten Ideen von Geschlechterrollen. Und viele Frauen in der Black Panther Party waren, in einer Weise, Komplizinnen dieser Ideen.

Manchmal hat eben Black Liberation nicht die Befreiung für die gesamte Community bedeutet. Es gab unterdrückerische Elemente in diesem Konzept schwarzer Befreiung, und oft mussten Frauen mit Bewusstsein sich entscheiden, ob sie eben Teil der Frauenbewegung sein wollten, die schwarze Bewegung ablehnen, und dort als Paria gelten, oder ob sie ein Teil der Black Liberation sein wollten und die Frauenbefreiung ablehnten. Also diese Art von Kompromissen, die Frauen machen mussten, das ist etwas sehr Verstörendes, sehr verstörend! Wenn man als afro-amerikanische Frau sich entscheiden muss, verhandeln muss, ob man für Frauenbefreiung oder rassischer Befreiung ist, das ist sehr unglückselig, sehr unglücklich.

Derzeit ist ja Angela Davis noch da, sie unterrichtet in Kalifornien, an der Universität Riverside glaube ich, und sie ist weiterhin eine Kraft im Bereich Analyse und Kritik am Prison Industrial Complex, und sie produziert weiterhin Wissen und unterrichtet, und sie ist weiterhin Aktivistin – ich hab sie noch nicht getroffen, aber ich werde ihr noch begegnen, ganz sicher!