Oreste von G.F. Händel in der Kammeroper Wien

24.03.2017

Das Bach Consort Wien unter der Leitung von Rubén Dubrovsky gibt im März und April 10 Vorstellungen in der Kammeroper.

Diesmal haben sich die hinreissend Musizierenden (brillante Konzertmeisterin ist Agnes Stradner) ein Werk von Georg Friedrich Händel vorgenommen: Oreste. Uraufgeführt 1734 im Royal Theatre Covent Garden in London, wurde die Umsetzung von Händel mit John Rich gemeinsam verwirklicht. Letzterer, Theaterunternehmer und Tänzer, veredelte auch mit seinen Auftritten in Ballettszenen die Aktschlüsse der Aufführungen, eine Besonderheit der Covent Garden Opern.

Die Handlung auf der hübschen kleinen Bühne der Kammeroper kurz erzählt – das ist leichter geschrieben als getan, denn Oreste ist ein Pasticcio, also eine Zusammensetzung vieler Arien aus anderen Opern Händels, und von Euripides’ Urfassung (ca. 400 v.Ztw) schon relativ weit entfernt.

Auf der Bühne, die also die Insel Tauris darstellt, geht Oreste (Countertenor Eric Jurenas) an Land. Er, von den Rachegöttinnen gejagt, hat seine Mutter Klytemnästra ermordet, die wiederum seinen Vater Agamemnon getötet hat, der der Mörder ihres ersten Mannes und ihres Kindes war. – Ifigenia, Orestes Schwester, hätte geopfert werden sollen, wurde aber von Diana gerettet und nach Tauris verbracht, wo sie der Göttin als Priesterin dient. Tauris wird von einem üblen Tyrannen regiert, Toante, der alle Fremdlinge ermorden lässt. Folglich lernen wir Ifigenia (Carolina Lippo) als Folterknechtin in blutbeschmierter Schürze kennen .. auf offener Bühne kleidet sie sich um, trägt dann einen hohen schwarzen Hut und ein goldgeschnürtes langes Kleid (Kostüme und Bühne: Olga von Wahl). – Bald taucht auf der Insel eine Frau im rotgelackten Anzug auf: Ermione, Orestes Gattin (Frederikke Kampmann), ist ihm gefolgt. Auch sie kleidet sich um, schlüpft singend aus dem engen Tauchgewand und legt Strassenkleidung an. – Auf der kleinen Bühneninsel treffen alle Beteiligten aufeinander, und es folgen einige Festnahmen, Verwechslungen und Liebeswirren.

Achtung Spoiler: Schlußendlich finden sich aber alle gegen den Tyrannen zusammen: also ein lieto fine, ein Happy End!? Nicht ganz, denn Ermione ist sichtlich ihrem neuerlich mordenden Gatten Oreste entfremdet, muss sich aber in ihr Gattinnenschicksal fügen.

Oreste war schon damals in London ein Erfolg, die Arien sind sehr schön, und hier in der Kammeroper wird wahrlich wundervoll gesungen. Vom Gesangsensemble wird sehr viel abverlangt (Regie: Kay Link), was aber durchwegs gut erledigt wird. Die jungen Sängerinnen und Sänger verstehen ihr darstellerisches Handwerk; die Stimmen tragen gut, und auch schwierige gemeinsame Parts gelingen trotz über den Kopf gebundener Handgelenke, diverser (Handfeuer!)Waffen, enger Zwischenlage im U-Boot, Gummiklamotten, und mannigfaltiger seefahrerischer Versatzstücke.

Die Referenzen Flucht – Grenzregimes – Frontex, Schutzsuchende vs. Abwehrmacht sind etwas plump angetragen. In dem Zusammenhang ein Literaturtip: gerade neu erschienen ist der Sammelband Facetten von Flucht aus dem Nahen und Mittleren Osten (hg. von Susanne Binder und Gebhard Fartacek, Facultas-Verlag). Hier sind zahlreiche Beiträge aus der Kultur- und Sozialanthropologie zusammengefaßt, die Forschung vor Ort, historische Quellenkunde, und aktuelle Perspektiven von Betroffenen beinhalten. Vielleicht eine Anregung …

Insgesamt jedenfalls sind die Inszenierungen in der Kammeroper ideal auch für Einsteiger*innen in die Welt der Oper, und das Bach Consort Wien ist immer für einen musikalisch herausragenden Abend gut. Unbedingt die Instrumente bestaunen!

 

Lit.: Steffen Voss, Oreste, in Händels Opern, Bd. 2, Laaber Verlag, 2009.

 

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Menschen in Museen – Weltmuseum Wien

10.02.2015

Das Weltmuseum in Wien, früher Museum für Völkerkunde, ist seit November 2014 wieder einmal geschlossen. Die Pläne für die neue Konzeption, den Umbau und die Neueröffnung 2017 waren bereits beinahe abgeschlossen. Dennoch wurde von BM J. Ostermayer, zuständig für Kunst und Kultur, Verfassung und Medien,eine schnelle Entscheidung getroffen: das Weltmuseum wird ‘redimensioniert’, d.h. die Ausstellungsfläche wesentlich verkleinert, dafür kommt das Haus der Geschichte ebenfalls in denselben Trakt der Hofburg … Menschen in Städten zeigt die Podiumsdiskussion darüber, und bringt ein Interview mit Barbara Plankensteiner, Chefkuratorin des Weltmuseums, über die Arbeit mit den Sammlungen.

Bei der Podiumsdiskussion diskutierten, nach der Begrüßung durch Elke Mader, Vorständin, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien:

  • Eva Blimlinger, Rektorin Akademie der Bildenden Künste
  • Steven Engelsman, Direktor Weltmuseum Wien
  • Andre Gingrich, Direktor Institut für Sozialanthropologie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
  • Philipp Konzett, Galerist
  • Erwin Melchardt, Präsident Verein Friends-Weltmuseum
  • Helmuth Niederle, Präsident PEN-Club Österreich
  • Ilija Trojanow, Schriftsteller (zugesagt, leider erkrankt)

Erwin Melchardt faßte die Entwicklung der Bundesmuseen in den letzten Jahrzehnten zusammen und betonte, daß das Völkerkundemuseum, jetzt Weltmuseum, das erste und einzige davon ist, das verkleinert und mit weniger Ressourcen ausgestattet wurde.

Hr. Konzett führte aus, wie die Objekte in den Sammlungen des Weltmuseums – die ja uns allen gehören – Schätze darstellen. Am freien Kunstmarkt gehandelt, sind ähnliche Gegenstände viel wert, und davon sollte BM Ostermayer einmal in einer Führung durch die Depots des Museums überzeugt werden.

Zudem ist es sehr schade und auch problematisch, daß die Sammlungsvielfalt nur wenig sichtbar gemacht werden kann: nur ein bis drei Prozent können im Display sein.

Der Präsident des PEN Club Österreich forderte einen “zärtlichen Umgang” miteinander ein, und erteilte Xenophobie eine klare Absage. Der PEN Club tritt seit seiner Gründung für Völkerverständigung ein, und dazu könnte das Weltmuseum einen wichtigen und einzigartigen Beitrag leisten.

Zum Abschluß der Sendung ziehen wir eine Runde am Heldenplatz, am 30. Jänner bei der Veranstaltung “Jetzt Zeichen setzen! Kein Salon dem Rechtsextremismus”, und hören Harri Stojka mit Band.

Aufgetreten ist auch Rudi Gelbard, ehemaliger KZ-Häftling. Er erzählt vom Vermächtnis der Häftlinge aus Mauthausen: “Solange es uns möglich ist, werden wir dafür kämpfen, daß das, was uns passiert ist, niemals wieder einem Menschen geschehen wird.”

 

 

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Menschen in Städten bei SOHO 2104: Sandleiten auf’draht

22.01.2014

… wir sind dabei! Mit der Projektion “Wir sind alle … Menschen in Städten” auf die Brunnenrückwand in der Gomperzgasse. Am Brunnenvorplatz entsteht die Begegnungszone, mit Essen, Trinken, und Sitz- und Stehgelegenheiten.

SOHO geht in eine neue Gegend; der Sandleitenhof aus der Zwischenkriegszeit ist ein Monument des Austromarxismus, der grösste Gemeindebau der Zwischenkriegszeit, und derzeit Heimat von mehr als viertausend Leuten. Rund um den Matteottiplatz, Liebknechtgasse, Rosa Luxemburg Gasse, Nietzscheplatz werden sich die Aktionen von SOHO 2014 abspielen.

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Menschen in Städten – Venedig Biennale

09.07.2013

Die 55. Biennale von Venedig wurde am 1. Juni eröffnet, und Menschen in Städten waren dort.

Wir berichten vom Pavillon Südafrikas, mit Arbeiten von Cameron Platter, Gerhard und Maja Marx und Philip Miller, Wim Botha, Zanele Muholi, Sam Nhlengethwa und Sue Williamson, schlendern durch die Giardini, und schauen uns die Stadt vom Vaporetto aus an.

Wieder einmal zu Gast in der Sendung ist Ariane Müller. Wir treffen sie in Wien, und sie spricht über ihre Eindrücke von der  Biennale und die Arbeit von Mathias Poledna. Er ist heuer im Pavillon von Österreich eingeladen; kuratiert von Jasper Sharp hat er einen kurzen Trickfilm in der Art Walt Disneys gestaltet, in dem ein Vögelchen und ein Esel die Hauptrollen spielen.

Und schließlich sehen wir noch, wie die Pavillons samt den Giardini in Schönheit untergehen! Und wieder auftauchen. Das ist nämlich die Arbeit von Alfredo Jaar, Venezia! Venezia! im Pavillon Chile.

Musik: “It’s A Shame” von TalkTalk, und “Don’t Look Any Further” vom Temptations-Sänger Dennis Edwards.

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ORLANDO in der Kammeroper Wien

28.05.2013

Georg Friedrich Händels Opernkunststück Orlando wird im Mai 2013 in der Wiener Kammeroper des Theater an der Wien gespielt, in einer fulminanten Aufführung eines genialen Teams:
Rupert Enticknap (Countertenor) in der Titelrolle, Cigdem Soyarslan (Sopran) als Angelica, Gaia Petrone (Mezzosopran) als Medoro, Anna Maria Sarra (Sopran) als Dorinda, und Igor Bakan (Bassbariton) als Zoroastro.
Es musiziert das Bach Consort Wien unter Rubén Dubrovsky, inszeniert hat Stefania Panighini, Ausstattung von Federica Parolini.

Die Bühne zeigt das Setting eines Glashauses. Seitlich erlaubt ein Alchemisten-Tischchen die Anwesenheit des Zoroastro, wann immer es nötig ist. Er ordnet die Handlung, greift ein, beobachtet, erklärt die vier jungen Protagonisten und Protagonistinnen. Er erinnert, auch in Haar- und Barttracht, an den Idealtypus des 70er Jahre Jugendzentrumsleiters im besten Sinne, voller Zuneigung zu den Jungen, selbst über Verwicklungen in Liebesdinge erhaben, den Rahmen für emotionale Experimente großzügig auslegend. Nichts Schlimmes wird geschehen, die Läuterung erfolgt durch Vernunft und Einsicht, aber auch durch Erfahren von vorgespiegelten Katastrophen. Die Stürme der Liebe müssen durch die Vernunft gebändigt werden, so wie auch die Pubertät der Menschheit durch die Aufklärung.

Die charmanten Gender-Verschiebungen der Barockoper (Orlando ist ein Countertenor, Medoro wird von einem Mädchen gesungen) wird wunderbar von den Kostümen unterstrichen: Punkkleidung stellt die traditionelle Rollenverteilung in Frage und weist dazu noch auf das England von 1976 zurück. Wie gut sich der ‘englische Bogen’ von Händel zu Derek Jarmans ‘Jubilee’ ergibt!
Orlando trägt also einen glänzend schwarzen Rock mit grosser Falte vorne, stilecht mit Nietengürtel und Bondage-Schleife und an den Füssen die *Aansa-Bock’ (österreichische Militärschnürstiefel, Hauptschuhwerk der Wiener Punks noch Anfang der 80er Jahre). Orlando ist ja eigentlich Krieger, symbolisiert durch Cyberpunk-Armschoner und ein grasbewachsenes Gilet. Aber, seit er sich in Angelica verliebt hat, will ihm das Kriegerische nur noch im Liebeswerben dienlich sein. Wütend stampft er durch den Publikumsraum, sein Haar in einem Fake-Mohawk aufgetürmt und an den Spitzen grün.
Angelica trägt ebenfalls grünes Haar und grüne Wimpern, ihre Anmut kommt in grün unterlegter Spitze und einer Krinoline zum Ausdruck und in der Bewegung ihrer Arme und Hände. Sie liebt – Medoro, ein Mädchen als junger eben Genesener, angetan mit einem Leder-Nietenminirock, Springerstiefeln und Armschonern.
Den beiden Liebenden gelingen Duette von solchem Schmelz, dass sie zu Tränen rühren! Wie auch Cigdem als Angelica immer wieder eine Süße aus der Kehle bringt, die die Augen feucht werden lässt.

Die vier jungen Leute zeigen eindrücklich, dass sie einander mögen wenn schon nicht (mehr) lieben können, bedauern dies ja auch (ach wäre die Liebe Sache des Willens und nicht des Schicksals, sagt Angelica einmal), und kümmern sich um einander in wunderbaren Duetten und Terzetten. Medoro und Angelica nehmen sich der unglücklich in Medoro verliebten Schäferin Dorinda an, streicheln sie zärtlich, binden ihr Manschetten als Zeichen ihrer Zuneigung an die Fesseln der Arme und Beine (wieder ist man an zeitgenössische Jugendliche, mit ihren Freundschaftsbändchen, erinnert). Dorinda ist die erste, die durch ihre Erfahrung des Unglücklich-Seins vieles über die Liebe versteht; am Beginn des 3. Aktes nimmt sie die Position am Alchemie-Tischchen ein und durchschaut Orlandos Wahn, auch wenn sie den nicht verhindern kann. Am Ende wird sie, ganz erwachsen, liebevoll und großzügig, alle zum Feiern zu sich einladen! Eine tolle Geste, ist sie doch ein einfaches Mädchen in einem wunderschönen leuchtendroten Federkleid in den ersten zwei Akten, dann in hellem Metallic-Glanz und roten Damenschnürstiefelchen als Zeichen ihrer neuen Selbstbewußtheit.

Aber der dritte Akt birgt, in Schnee gehüllt, nicht nur Orlandos Wahnszenen (grandiose Stimmführung!!), sondern auch eine Sequenz mit Schlafmohn (der etwas plump von der Decke abgespult wird) von einmaliger Schönheit. Das Bach Consort musiziert himmlisch und geht in eine ausdrucksstarke Stille über, brillant geführt von Rubén Dubrovsky. Die Musiker und Musikerinnen, das ist sehr wichtig, befassen sich mit der Globalität der Musik, der Barockmusik, und betrachten diese aus dem Blickwinkel Lateinamerikas (wie Rubén unlängst bei Renate Burtscher ausführen konnte). So hat der Dirigent und Cellist und Spieler von Zupfinstrumenten einleuchtend erklärt, wie afrikanische Musik und Rhythmen, bekanntlich von Sklaven und Sklavinnen mitgebracht, wieder ihren Weg nach Europa fanden und dort in das musikalische Wirken des Barock Eingang gefunden haben: welch ausschlaggebendes Geschenk für die Geburtsstunde der Europäischen Klassik!

Doch dies vorläufig nur nebenbei.

Eine großartige Ensemble-Leistung, diese Orlando-Produktion, ein Geniestreich, stimmig in (fast) jedem Detail, gut abgestimmt auf die Intimität der Kammeroper, absolut nachvollziehbare, tiefe und starke Gefühle, alles endet im Frühling mit einem seligen Quintett. Jubel für alle!

P.S.: Das Bach Consort Wien ist am 10. Juni 2013 um 19.30 im Brahms-Saal des Musikvereins mit einem Programm von Antonio Vivaldi und Johann Georg Pisendel zu hören, Venezia e Dresda. Rubén Dubrovsky Leitung und Violoncello, Erich Höbarth Violine.

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SOHO in Ottakring

07.04.2013

.. wurde der Kunstpreis der Bank Austria verliehen!

Wir gratulieren und freuen uns, im Mai 2012 dabei gewesen zu sein!

Viele SOHOs sollen noch kommen!

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Treffpunkt IGBildendeKunst: One, two, three … represent!

07.04.2013

Iman Ithram wurde ausgelost, ihre Projektion  ‘Allein siehst du das Bild nicht!’ am 6. März zu zeigen.

siehe www.igbildendekunst.at

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HIV/Aids als (andere) Form der Gouvernementalität

07.04.2013

Gruppenausstellung in der IG Bildende Kunst – Galerie, mit einem Journal, das die Beiträge versammelt.

Filmprogramm und Präsentationen in der PCAP-Klasse der AkBild.

Kuratiert von Ivan Jurica und Miltiadis Gerothanassis

Contributors and artists:

Marina Grzinic

David Kellner

Iman Ithram

Belinda Kazeem

Katerina Kolavova

Marissa Lobo

 

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Watching Dallas

07.04.2013

Die alten Folgen, in ungekürzter Originalversion, bergen viel Qualität, und auch einiges, das nicht so auf den ersten Blick auffällt.

Die 14. und letzte Staffel der alten Serie endet so trostlos, wie sich das vorher auch schon abgezeichnet hat als einziges mögliches Out-come für so einen wie J.R., der auch seine Familie mit hineingezogen hat. Er bleibt nur mit Bobby über, die Söhne sind weg (in England), die Gattinnen glücklich mit anderen Männern oder erschossen (Bobbys April musste in Paris, auf der Hochzeitsreise, in einem Plot gegen die OPEC ihr Leben lassen).

Düster also alles, die letzten Folgen zeigen ein Dallas-adaptiertes Remake von Ist das Leben nicht schön?, J.R. wird von einem Geist zu den Menschen geführt und wie sie leben würden, wäre er nicht geboren worden. Sue Ellen geht es jedenfalls ziemlich gut! Bobby nicht, und Ray auch nicht sooo, denn Jock ist früh verstorben, ohne seinen vierten Sohn anerkannt zu haben.

Giganten ist Bestandteil der US-amerikanischen Kinogeschichte, und die Erfinder von Dallas (Ben Jacobs und Leonard Katzman als Produzent) haben diesen Mythos aufgegriffen. Sie erzählen, dass sie zunächst ein Rohkonzept verfassten, in dem sie alle Stereotypen von Dallas eingebaut haben. Bei ihrem ersten Besuch vor Ort stellten sie fest: noch nicht tief genug in den Topf gegriffen! Die Realität von Texas übertraf alle ihre kühnsten Vorstellungen von hinterweltlerischem, Stetson-tragendem, Machismo-verherrlichendem Alltag.

Vom Wildcattin’ (offenbar ein unseriöses Geschäftsgebaren in den ersten Tagen des Ölbooms in Texas) bis zu J.R.s Initialen, von Jett Rink (James Dean in seiner letzten Rolle, er ist auf dem Weg von den Dreharbeiten nach California tödlich verunglückt) abgeleitet; bis zu den gegensätzlichen wirtschaftlichen Produktionsformen des Ranchings (Rinderfarmen), der Baumwollplantagen, und des Ölförderns.

Jedenfalls, die Geldgeber in der Fernsehindustrie wollten auch eine Art Saga mit einer Frau im Mittelpunkt, also wurde Sue Ellen im Lauf der ersten Folgen zur zentralen Figur ausgebaut. Der psychologische Tiefgang entsteht ja vor allem durch die Kamera, die den Figuren in ihre intimeren Momente folgt (im Gespräch mit einer Vertrauensperson oder einem Gegner, einer Gegnerin; beim Arzt, Ärztin; aber auch bei der Psychoanalyse, wo Sue Ellen relativ lange hingeht).

Auffällig auch, dass in Dallas keine einzige Erwähnung irgendwelcher religiösen Zusammenhänge erscheint. Niemand geht in die Kirche, niemand betet, es hängen keine Kreuze an den immerhin sehr zahlreich abgebildeten Ranches, Condos, Büros, Spitälern, etc. Was hingegen häufig, im Laufe der Folgen sogar zunehmend als Interior Design auftaucht, sind Modelle von Ölbohrtürmen, auch sicherlich aus dem Fundus von Giganten übriggeblieben. In Dallas sind diese nicht nur im Cattlemen’s Club, sondern auch in fast allen Büros der Ölbarone zu finden, dann auch auf dem Oil Barons’ Ball, wo sie Schokolade fördern.

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Intense proximité, Palais du Tokyo, Paris

21.08.2012

Nur noch bis 26. August 2012!

Die 3. Paris Triennale wurde kuratiert von Okwui Enwezor. Im Palais du Tokyo, wo die Aufseher die großen Metallfriese vor dem Eingang zur Seite kurbeln, um die visiteurs einzulassen, dominieren aber zunächst Pussy Riot: ihr Musikvideo in der Kirche, wofür sie gerade 2 Jahre Arbeitslager ausgefasst haben (in Berufung), läuft non-stop linker Hand, auf großer Leinwand, über dem Stiegenabgang.

Das screening des Videos läuft beim Palais-Programm Alerte und wurde von Andreii Efofeev kuratiert.

Dann weiter in die Betonhallen des Palais! Kunst ohne Ende, und noch mehr. In ‘intensiver Nähe’ befinden sich in der Schau nicht nur die Kunstwerke, die sich von allen Seiten an einen heranschieben, im Prospekt sichtbar werden, in dunklen Kinosälen gespielt werden unter fein gesponnenen Deckenphantasien; sondern die Ethnographie und die Kunst.

Zitat Enwezor: “an engagement in which the work of artists and ethnographers appear in layered interaction. … we can begin to consider, … the link between the historical and the contemporary, between artists and ethnographers, comparing ethnographic fieldwork with contemporary curating. Or perhaps it is the obverse: the curator as ethnographer?”

Schwierige Sache, und immer verwickelt mit der Frage: wie kann es ein Beobachten überhaupt geben? Für wen notiert man sich was, konserviert es, bildet es ab? Zeigt es her?

Outstanding works:

Isaac Julien, Territories (1984), Video, 25 min. Der Notting Hill Carnival im Fokus des Filmers. (Zum NHC auch Menschen in Städten #16, “Menschen in Tälern und auf Hügeln”.)

Adel Abdessemed, Odradek (2011), Video, 7 min. 18 sec. Mehrere Frauen in einem Atelier trennen, zu Musik, grob gestrickte, wollweiße halblange Burkas auf, die sie tragen, und während sie in bauchtänzerischen Bewegungen wieder und wieder den lose werdenden Wollfaden um die Körper ent-wickeln, entblössen sie sich, bis sie sich zuletzt die an Wrestling erinnernden Gesichtsmasken abnehmen.

Joost Conijn, Siddieqa, Firdaus, Abdallah, Soelayman, Moestafa, Hawwa et Dzoel-kifl (2004), Video, 41 min. Autonome Kinder leben am Rande von Amsterdam. Fesselnd, verstörend, erhebend.

Annette Messager, Motion/Emotion (2009-2011), Installation mit Gebläse. Aufgehängte Kleidung und Stofftiere flattern und tanzen im Wind.

Batou S’Himi, Untitled, 2011. Monde sous pression, eine Installation aus Dampfdruckkochtöpfen.

Danila Mayer aka Iman Ithram

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